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“Verweile doch, du bist so schön!” Ein Vortrag von Enno Rudolph

16 May 2010 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Am 22. Oktober des vergangen Jahres hielt Enno Rudolph in Luzern einen Vortrag mit dem Titel »Verweile doch, Du bist so schön!« Oder ausformuliert: »Die ästhetische Zeiterfahrung und ihre Konkurrenten in Wissenschaft und Philosophie.« Der Vortrag fand im Rahmen einer Veranstaltungsreihe der „Freien Vereinigung Gleichgesinnter Luzern“ (FVGL) statt.

Enno Rudolph unterscheidet zwischen der wissenschaftlichen, der philosophisch oder religiösen, sowie der ästhetischen Zeit. Dementsprechend ist der Vortrag in drei Teile gegliedert, wobei der Hauptakzent auf dem dritten Teil der ästhetischen Zeiterfahrung liegt. Hier die Einführung:

Die Wissenschaft versucht mit Instrumenten der Zeitmessung die Zeit zu quantifizieren. Man will die Zeit messen, um sie zu objektivieren. Es ist der Versuch, eine Ordnung zu konstituieren, welche die Verständlichkeit von Abläufen ermöglichen soll. Damit haftet diesem Zeitbegriff aber bereits ein erstes Problem an, denn die Zeit ist irreversibel. Eine blühende und eine verwelkte Blume sind nicht dasselbe und es erfordert einen weitreichenden Identitätsglauben, um die offensichtlichen Unterschiede zu ignorieren. Es scheint hierin auch bereits ein Sensibilitätsverlust für die Ultimativität der Zeit zu liegen, welche in philosophischen oder religiösen Zeitbegriffen thematisiert wird.

Die Religionen haben verschiedene Lösungsangebote zum Problem der ständigen Befristetheit des eigenen Lebens gemacht. Die Säkularisierung hat der Religion aber die Deutungshoheit über den Sinn des Lebens aberkannt. Die Angst vor dem Tod muss nunmehr auf anderen Wegen kompensiert werden. Hier kommt die Philosophie ins Spiel. Martin Heidegger bewertet den Tod als letzte sinngebende Instanz des menschlichen Lebens überhaupt und sieht genau darin die Bewältigung des Todes. Man muss ein Leben mit dem Tod arrangieren, – den Tod in das Leben holen. Hier unterscheidet sich Heidegger von Sartre, welcher im Tod eine Nichtung aller menschlichen Möglichkeiten sieht.

Mit Kant gesprochen ist der Ästhet jener Mensch, der im Schönen die Entlastung vom Nützlichen findet. Fast überall im Alltag müssen wir gezwungenermassen zwischen nützlichen, teuren oder prestigeträchtigen Gegenständen unterscheiden. Wenn der Ästhet aber ein schönes Gemälde betrachtet, will er es nicht besitzen, sondern vielmehr den Moment der Anschauung geniessen. Die Kunst hilft insofern die Gegenwart vor ihrer eigenen Zukunft zu bewahren. Die Ästhetik verfolgt eine Zweckmässigkeit ohne Zweck und kann sich darum der Konkurrenz entziehen. Sie ist das Gegenstück zu aller ökonomischen und quantitativen Zeit. Enno Rudolph weist jedoch daraufhin, dass auch hierin eine Tragik liege, biete die eigene Gesellschaftsgeschichte doch so wenig Platz für die ästhetische Zeit. Vielmehr wird die Knappheit der ästhetischen Gegenstände benutzt, um diese wiederum als Verkaufsobjekte in den Markt einzuführen.

Enno Rudolph, geboren 1945 in Oldenburg, ist Professor für Philosophie und Leiter des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Luzern. Er studierte Philosophie und evangelische Theologie in Münster und Heidelberg. Im Jahr 1974 promovierte er mit einer Dissertation über Kant und habilitierte sich 1983 mit einer Schrift über Aristoteles. Bevor er aber nach Luzern kam, war er von 1977 bis 1999 Leiter des philosophischen Arbeitsbereiches des Interdisziplinären Forschungsinstituts/FEST in Heidelberg. Ab 1990 war er dann außerplanmäßiger Professor für Religionsphilosophie an der Universität Heidelberg. Nach dreijähriger Amtszeit als Professor für Philosophie in Luzern, gründete er 2003 das Kulturwissenschaftliche Institut (KWI), dessen Leitung er bis heute inne hat. Zu seinen vielen Schwerpunkten und Spezialgebieten gehören sicherlich die Kulturphilosophie (Cassirer-Forschung), die Wirkungsgeschichte der Antike und die Philosophie der Renaissance.

Bild: Frank Meissner und Marianne Jossen
Text: Tobias Brücker

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