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Dirk Baecker – Vollrisikogesellschaft

5 June 2010 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Eine Diskussion mit Daniel Binswanger

Marianne Jossen und Frank Meissner

Die Bankenkrise hat gezeigt, dass wir ein Problem haben, mit Risiken vernünftig umzugehen. Warum geht die Gesellschaft immer höhere Risiken ein, obwohl sie diese doch immer besser abschätzen könnte? Das Krisenbewusstsein ist allgegenwärtig, aber was besagt die „Krise” eigentlich? Dirk Baecker ist Soziologe und einer der bedeutendsten Vertreter der heutigen Systemtheorie. Ein Hintergrundgespräch. (Theater Neumarkt)

Mit dieser Beschreibung hatte uns das Theater Neumarkt zu einem seiner Salongespräche, moderiert von Daniel Binswanger, gelockt. Immerhin hat ja Baecker, so viel wussten wir, gemeinsam mit Luhmann das Risikothema systemtheoretisch aufgearbeitet. An dieser Stelle setzt denn auch das Gespräch an. Baecker kommt schnell ins Reden – und das kann er auch gut (was im Wissenschaftsbetrieb ja nicht immer der Fall ist). Er erzählt, wie er und Luhmann versuchten, von der Bankenbranche aus, deren Kerngeschäft Risiken sind, eine Abstraktion zu leisten, die eine allgemeine Theoretisierung des Risikobegriffs erlaubt und damit auch eine Transferleistung, zum Beispiel in den Bereich von Hochrisikotechnologien. Ein zentraler Punkt dabei war, dass Risiken nicht einfach vorhanden sind sondern von der Gesellschaft erst in die Welt gesetzt werden. Anders gesagt: sie sind selbstreferentiell und systemimmanent. Er erzählt, wie er damals auf einem Kongress Banker zu überzeugen versuchte, nicht immer von Risiko und Sicherheit zu reden sondern von Risiko und Gefahr. Denn, so Baecker, Sicherheit können die Banken nie garantieren. Sie können nur versuchen, eine Gefahr in ein handhabbares Risiko zu transformieren. Illustrieren kann man das an einem einfachen Beispiel: Gehe ich aus dem Haus, so besteht die Gefahr, dass mich irgendwann ein Regenguss erwischt. Ist es jedoch so, dass ich weiss, dass es wahrscheinlich regnen wird und keinen Schirm mitnehme, dann gehe ich das Risiko ein, nass zu werden. Es geht hier um eine Unterscheidung, die sich in ähnlicher Weise als Risiko/Unsicherheit-Unterscheidung bei dem Klassiker Frank Knight findet. Nun, da die Bankenkrise aktuell ist, wird, so Baecker, eben genau dies sichtbar: In ihrer Illusion, alles sicher machen zu können, haben die Banken die Risiken der immer dichteren, systematischen Vernetzung zwischen ihren Organisationen übersehen. Eine Bank, die als “too big to fail” bezeichnet wird, ist kein handhabbares Risiko mehr – sie ist eine Gefahr. Und was die Banken als “sicher” verkauft haben, war hochgradig riskant – und teilweise gefährlich.

Besonders heikel wird die Lage jedoch dann, wenn die Banken die Wirtschaft übermässig mit Liquidität versorgen. So passiert um die Jahrhundertwende im Internet und im US Immobilienmarkt der 1990er und 2000er Jahre. In den aufsteigenden Blasen könne man, so Baecker, dann eben nicht mehr mit dem Idealmodell der Wirtschaftsstatistik, der Gaussschen Glocke, argumentieren. Wenn ein statistisches Modell für solche Situationen gefunden werden könne, dann sei vielleicht die Kurve nach Zipf (siehe dazu ein Artikel der NZZ) hilfreich. Zipf war Linguist und erarbeitete ein Modell, das darstellt, wie in einem Text die Tendenz ein Wort noch einmal zu benutzen, mit jeder Nutzung steigt (wenn ich also hier “Systemtheorie” schreibe, taucht das Wort mit einer höheren Wahrscheinlichkeit im Text wieder auf). So ähnlich kann man sich das vorstellen, wenn in der Wirtschaft eine Blase heranwächst. Investitionen verdichten sich und ziehen immer mehr Investitionen an. Bis der Text zu Ende ist und die Geschichte abbricht.

Und nun? Während wir das Gespräch weiter verfolgen, kommt ein kleiner Verdacht des Fatalismus auf. Baecker erklärt, die Verdichtung von Investitionen, Lockerung von Regelungen, das Platzen der Blasen und die darauf folgende staatliche Intervention sei bisher an jeder Wirtschaftskrise zu beobachten gewesen. Er sieht nicht den Staat als geschwächten Akteur; das was schwach zu sein scheint, ist die Möglichkeit der beiden Systeme, ihr Verhältnis etwas weniger schematisch zu gestalten, gewissermassen auszubrechen aus der immer gleichen Dynamik, wie sie sich im 20. Jahrhundert beobachten lässt. Wie das geschehen könnte, bleibt unausgesprochen.

Binswanger macht nun noch ein anderes Thema auf und nimmt dabei Bezug auf den Sammelband Kapitalismus als Religion: Ob denn nun, so wie man das in den letzten Monaten ab und zu wieder liest, der Kapitalismus unsere wahre Religion sei? Wieder erzählt Baecker. Darüber, wie er in den 90er Jahren auf ein Fragment von Walter Benjamin stiess, das den Kapitalismus in seiner Unterwerfungsfunktion mit der Religion gleichsetzt. Und wie er dann eine lange Zeit damit verbracht hat, zu versuchen, diese beiden Phänomene, die Benjamin in so ungeheuerliche Nähe gebracht hatte, wieder auseinander zu ziehen. Die Religion, so Baecker, ist eine Risikogemeinschaft. Sie schafft jetzt eine Gemeinde, die morgen da ist, für den Fall, dass unsere moderne Existenz an ihre Grenzen stösst. Anders gesagt: Kommt die (wirklich) grosse Krise, stellen traditionsorientierte, religiöse Gemeinschaftsformen (Sippen, Clans usw.) die Reserve für eine Gesellschaft dar, deren moderne Vergesellschaftungsformen obsolet oder unmöglich geworden sind. Ein bisschen staune ich da schon: Wie ist das dann mit den individualisierten religiösen Vorstellungen, den vielen Bricolage- und Privatreligionen (Pardon: Spiritualitäten)? Und sind die modernen religiösen Bewegungen tatsächlich nur “Reserven” aus der Vergangenheit?

Nun, wir haben einiges gelernt; über Theorietransfer und darüber, wie eine theoretische Intuition einen Ausgangspunkt für ein dauerhaftes und spannendes Thema liefern kann. Und auch wenn Baecker keine Ratschläge an Politik und Wirtschaft erteilen mag, so bieten die aktuellen Ereignisse genug Gelegenheit, sich Baeckers Ausführungen (wieder) einmal anzuschauen.

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