Peter Fuchs auf dem Weg zu einer Allgemeinen Theorie von Sinnsystemen
Ein Vortrag an der Hochschule für Soziale Arbeit Luzern vom 9. April 2010
Frank Meissner
Niklas Luhmann hat für sich beansprucht, eine Allgemeine Theorie sozialer Systeme zu konzipieren. Nichts desto trotz finden sich bei Luhmann immer auch Überlegungen zu psychischen Systemen, die er als notwendige Umwelt von Kommunikation behandelte. Peter Fuchs geht diesen Überlegungen nach und baut darauf auf, indem er beide Systemformen, die Kommunikation und die Psyche als Sinnsysteme behandelt. Mit dieser Isomorphisierung eröffnen sich vielfältige Anschlussmöglichkeiten in der theoretischen Operationalisierung von Kommunikation und Bewusstsein.
Fuchs setzt damit die Denktradition der Systemtheorie fort, die als interdisziplinäres Erkenntnismodell die Regelhaftigkeit von sich selbst organisierenden Systemen in allgemeingültigen Theoremen zu modellieren versucht. Und schafft zugleich Anknüpfungspunkte an aktuelle Ergebnisse der Hirnforschung.
Am Anfang seines Vortrages lädt Fuchs das Auditorium zu einer “Hochabstraktion” ein: Ausgehend von der Isomorphie von Bewusstseinssystemen und Sozialen Systemen, eine Allgemeine Theorie von Sinnsystemen zu entwickeln. Er sieht hierin ein legitimes Theorieprojekt, welches konsequent die Idee von Luhmann nach einer Universalisierung seines Ansatzes vorantreibt.
Wer Neues denken will, braucht eine neue Begrifflichkeit. So macht Fuchs im ersten Abschnitt seines Vortrages deutlich, dass unsere überkommenen Vorstellungen von Subjekten und Objekten für eine Beschreibung von komplexen Entitäten nicht taugt. Wer sinnvoll von Systemen sprechen will, kann dies nur, wenn er diese Systeme zu gleich als Differenz von System und seiner Umwelt denkt. Doch da unsere (Sprach-)Logik diese Mehrwertigkeit nicht zulässt, sondern fordert, dass etwas entweder Subjekt oder Objekt sei, spricht Fuchs von Unjekten. Diese Unjekte bedingen sich aus ihrer Differenz, die sie fortlaufend reproduzieren und somit selbst generieren.
Wer Sinnsysteme beobachten will, muss den Sinn im Sinne der Theorie – also auf einer neuen Ebene operationalisieren. Alte, metaphysische Vorstellungen, die einen Sinn in der Welt suchen, werden im Rahmen dieser Begrifflichkeit irrelevant. Sinn wird vielmehr als Horizont von Möglichkeiten eines Systems und der jeweiligen Selektion begriffen. Er entsteht als fortlaufendes Prozessieren von Differenzen innerhalb des Systems, das zwischen Möglichem und Aktuellem selektiert.
Luhmann hat seinen Medienbegriff von Fritz Heider, dem österreichischen Gestaltpsychologen, entliehen. Dieser hat mit seiner Unterscheidung von loser und fester Kopplung in Medien und den daraus resultierenden Formen, schon in den 1920er Jahren die Grundlagen für das Luhmannsche Differenzierungsschema gelegt. Wie bei System und Sinn handelt es sich um ein Konzept, das nicht von einer festen Entität ausgeht, sondern von der Differenz von einzelnen Elementen zueinander handelt, die erst in ihrer Gekoppeltheit eine neue Form ergeben.
Mit der Begriffsneuschöpfung von Autilität versucht Fuchs ein bei Sinnsystemen fortwährend beobachtbares Phänomen zu beschreiben: der Sinnverschiebung. Sinn, so hatte Fuchs weiter oben schon ausgeführt, ist keine feste Eigenheit, sondern ist ein fortgesetztes Prozessieren von Differenzen. Bei diesem Prozessieren werden fortlaufend neue Anschlussmöglichkeiten für Sinn erzeugt, die sich verschieben und so zu permanenten Neuinterpretationen führen können.
Im nächsten Abschnitt wendet sich Fuchs der Frage zu, wie ein System sich zu seiner Umwelt in Verhältnis setzt. Referieren bezeichnet das direkte Bezugnehmen eines Sinnsystems “auf seine Umwelt”, das sich durch seine Konkretheit auszeichnet: Dort ist ein Haus. Im Gegensatz hierzu wird beim Beobachten erster Ordnung auf die Unterscheidung, mit der beobachtet wurde, Bezug genommen und sie – die getroffene Unterscheidung – wird als Ressource im Prozess weitergeführt. Fuchs illustriert dies am Beispiel des Baus von Hoteltoiletten, wo die Unterscheidung Mann/Frau relevant für den Bau von Männer- und Frauentoiletten ist. Das Beobachten zweiter Ordnung bezeichnet jenes Beobachten, im Zuge dessen beim Unterscheiden, die Unterscheidung, mit der beobachtet wird, ebenfalls beobachtet/unterschieden wird.
Für die Entwicklung einer Allgemeinen Theorie von Sinnsystemen ist bedeutsam, dass sowohl soziale wie psychische Systeme in diesen drei Modi operieren.
Im sechsten Abschnitt seines Vortrages erläutert Fuchs den Begriff der Operation. Operation beschreibt die Art und Weise, wie ein System zwischen Fremd- und Selbstreferenz unterscheidet und wie im System Anschlüsse hergestellt werden. Anhand des dreistelligen Aufbaus der Kommunikation: Information – Fremdreferenz, Mitteilung – Selbstreferenz, Verstehen – Anschluss, erläutert Fuchs diesen Aspekt. Das Äquivalent zur Mitteilung im psychischen System ist, so die These Fuchs, Gestimmtheit. Leider hat er diesen Begriff im Rahmen des Vortrages nicht weiter ausgeführt.
Und wie kommt der Sinn nun „ins“ Bewusstsein? Hier verweist Fuchs auf den Körper, mit dem die Psyche permanent in Kontakt steht. Das Theoriepartikel der symbiotischen Mechanismen von Luhmann ist für ihn Ausgangspunkt für weitergehende Überlegungen, ob und wie nicht nur Kommunikation Bezug auf den Körper nimmt, sondern auch auf das Bewusstsein. Mit kleinen Experimenten – die die Suggestivkraft von Herrn Fuchs wieder eindrücklich demonstrierten -, erklärt er, wie Sprache übergreifend an diesem Gesamtvorgang des sinnhaften Erlebens gekoppelt ist.













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