«Klassezämekunft» und die Schweizer Rolle im Zweiten Weltkrieg
Am 14. Februar dieses Jahres zeigte das Schweizer Fernsehen mit dem „schwarzhumorigen Mordsspektakel“ «Klassezämekunft» einen hochgradig zweideutigen Film aus dem Jahre 1988. Mit von der Partie: Anne-Marie Blanc, Ursula Andress, Paul Hubschmid, Lukas Ammann, Eva Langraf, Hannes Schmidhauser, Inigo Gallo, Peter W. Staub und Ruedi Walter. Dies ist eine der grössten Zusammenkünfte populärer Schweizer Schauspieler in einem Film. Die Geschichte ist im Grunde genommen schnell erzählt: Fünfzig Jahre nach ihrem Schulabschluss, Anno 1938, lädt Senta von Meissen (Anne-Marie Blanc) acht ehemalige Schulkameraden zur “Klassezämekunft” auf ihr Schloss ein. Schnell merkt man, dass es bei diesem Treffen um mehr geht als geselliges Beisammensein. Die Aufmerksamkeit wird auf die letzte Schulreise geleitet. Damals ist Teddy, ein Klassenkamerad und die grosse Liebe von Senta, am Rheinfall zu Tode gestürzt. Nur war es kein Unfall, wie später der geschlossene Klassenverband bekundete. Der unerwünschte Teddy, der aus verschiedenen Gründen unbeliebt in der Klasse war, wurde von seinen Kameraden in den Rheinfall gestossen. Was keiner weiss: Es wurde alles gefilmt! Zeit also, den Film in guter Gesellschaft und bei einem ausführlichen Treffen den unfreiwilligen Darstellern vorzuführen. Der Rest der Geschichte ist ziemlich schnell klar: Senta knöpft sich die Gäste nun einen nach dem anderen vor…
Wie es so ist, wenn man am Sonntagabend in familiärer Atmosphäre das Schweizer Fernsehen einschaltet, erwartet man nichts Böses. Das ist auch verständlich bei den harmlosen Eigenproduktionen des Schweizer Fernsehens, wo die „enfants terribles“ aus Viktor Giacobbo und Mike Müller bestehen. Mit zunehmender Länge des Films tauchen feine Hinweise auf, welche immer schwieriger zu ignorieren sind. Beispielsweise findet die Schulreise 1938, und zwar in Schaffhausen statt, nahe der deutschen Grenze. Senta zieht unverzüglich nach der Reise in das nationalsozialistische Deutschland und heiratet dort einen deutschen Grossindustriellen. Ihre Tochter, gespielt von Ursula Andress, trägt eine uniformartige Kleidung und hat einen kühlen Gesichtsausdruck. Etwas eigenwillig könnte dies in entfernter Weise an das Gehabe der Frauen SS erinnern. Solche Hinweise und Vermutungen häufen sich bis hin zum Schluss, als Rolf Zeller in einem Auto vergast wird. Eigentlich müsste dieser Film als ein Paradebeispiel für die filmische Auseinandersetzung mit der Schweizer Rolle während des Holocausts bekannt sein. Damit hat man aber weit gefehlt: Quer durch die Filmportale und Fernsehbeschreibungen wird hier von einer gruseligen Komödie gesprochen. Ein User bei artfilm.ch beklagt sich, dass das 10-Negerlein-System in der Beschreibung nicht erwähnt wurde, obwohl es dem Film doch zu Grunde liege. Andere beklagen sich über die Banalität des Filmes, welcher doch nur der Starbesetzung wegen erfolgreich sei. Und ein deutsches Filmlexikon mokiert sich über die Unfähigkeit der Schweizer Schauspieler, korrektes Schriftdeutsch zu sprechen.
Es gibt aber auch filmexterne Hinweise darauf, dass der Film mehr sein will als eine Komödie für den gemütlichen Familienabend. So hat Walo Deuber, bekannt als Co-Autor des brillanten Schweizer Films „Der schwarze Tanner“, unter anderem einen Film über ukrainische Massengräber gedreht, in denen Holocaust-Opfer verscharrt wurden. Die Grundidee des 1988 entstandenen „Klassezämekunft“ stammte ursprünglich von Peter Stierlin, wobei Walo Deuber dann das Drehbuch geschrieben hat. Auf Anfrage erläutert Deuber, dass er damals, nach seinem Studium an der Freien Universität zu Berlin stark politisiert war und nicht umhin konnte, neben einer „flotten Story“ auch geschichtliche Substanz einzubinden. Mit der grundlegenden Frage, wie einer zum Mitläufer werden kann und unter den persönlichen Erfahrungen im Kontext der „Eingabe der 200“, entstand dann die zweideutige Geschichte, die der Film erzählt. Interessant dabei ist Deubers Suche nach einem medienpolitischen Ansatz, der sich statt am rein politischen Film am Unterhaltungsfilm orientiert. Wie viel Substanz und schwerfällige Themen vermag ein Unterhaltungsfilm zu tragen ohne dass er eben diese Bezeichnung verliert? Eine Antwort auf diese Frage findet sich möglicherweise im hier besprochenen Film.
Wie kommt es zu einer solchen Rezeption, wo doch die Hinweise des Films auf den Holocaust in ihrer Eindeutigkeit fast unübersehbar sind? Der Film erinnert an die Zensurliteratur und – filme, welche beispielsweise in der DDR hinter der Maske von Heimatfilmen und Heimatromanen ihre Kritik ganz vorsichtig formuliert haben. Schliesslich ist es möglich, diesen Film als kriminalistische Komödie mit Schweizer Starbesetzung anzuschauen; und gleichzeitig fallen dem Zuschauer die Schuppen von den Augen, wenn er den Film als Metapher der Schweizer Vergangenheitsbewältigung betrachtet. Im Grunde genommen könnte man zwei Erklärungsstränge vorschlagen: Einerseits, dass der Film vollkommen plausibel als Unterhaltungsfilm anzuschauen ist, andererseits dass im Schweizer Selbstbewusstsein jegliche Sensibilität für die Schweizer Rolle im zweiten Weltkrieg fehlt. Unsere grossen Helden sind Leute nahe der Grenze, die damals Juden in die Schweiz geschleust haben. Leute, die verehrt werden, weil sie gegen das Schweizer Gesetz gehandelt haben. Leider wissen die wenigsten Leute, dass nach Berechnungen des Bergier-Berichts über 24‘000 Juden abgewiesen wurden. Es macht keinen Sinn alle Vorwürfe an dieser Stelle aufzulisten, ganz abgesehen davon, dass man immer sehr genau hinschauen muss bei Zahlenargumentationen (auch bei der obigen natürlich).
Es ist nur verwunderlich, dass diese Ereignisse scheinbar nicht im Schweizer Kollektivgedächtnis vorhanden sind. Vielmehr scheint die Zeit des Zweiten Weltkriegs apolitisch und als schwierige Zeit, geprägt von Hunger und Präkarität, memoriert worden zu sein. Man könnte die provokative These wagen, dass der Beweisfilm von Senta eine gewisse Analogie zum viel später entstandenen Bergier-Bericht aufweist, – avant la lettre sozusagen. Schliesslich musste unter internationalem Druck die ganze Bankengeschichte vorgerechnet und erforscht werden, bis wir ganz verwundert zur Kenntnis nahmen, dass nicht alles so rosig verlaufen ist damals. Wie die Klassenkameraden versuchen auch die Schweizer nach jeder Anschuldigung sofort weiterzuleben als wäre nie etwas passiert. Wie die Klassenkameraden scheinen wir unsere Erinnerungen sehr naiv und gewissenserleichternd manipuliert zu haben. Das zeigt sich, wenn viele unsrer Eltern in der Schule nichts von dieser Problematik gehört haben oder wenn die Klassenkameraden bis zu den letzten entscheidenden Sekunden der Beweisaufnahmen sich noch einreden, es sei ein Unfall gewesen. Und kommt es dann doch raus, gerät die Schweiz in Panik, macht politische Fehler oder fährt überhastig davon, worauf sie gegen einen Baum prallt.
Wir sind zwar ein meinungsfreies Land und brüsten uns damit, dass wir unsere Geschichte aufgearbeitet haben. Aber was nützt die ganze Aufarbeitung, wenn nichts davon in Erinnerung übergeht? Wenn wir einen kuscheligen Sonntagabend verbringen und nicht im entferntesten auf die Idee kommen, dass ein Film auch etwas Politisches an sich haben könnte? Dass er sogar provokative und unangenehme Selbstkritik enthalten könnte? Wenn all dieses Bewusstsein fehlt, dann passiert eine Rezeption wie beim Film «Klassezämekunft». Dann verschlingen wir eine „mordslustige schwarze Komödie“ nach der anderen. Anstatt uns einmal richtig mit dieser Angelegenheit zu befassen, ignorieren wir, stets mit dem flauen Gefühl im Magen, dass etwas Unangenehmes hochkommen könnte. Zu genial, dass der Film sehr ungewöhnlich endet, indem er zum Anfang des Klassentreffens zurückkehrt, um offen zu lassen ob sich die ganze Morderei wirklich abspielen wird oder nicht.
















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